Wenn es an Ihrer Haustür klingelt, an Ihrer Bürotür klopft, luken Sie erstmal vorsichtig durch den Türspalt; klingelt ihr Telefon und zeigt eine Ihnen unbekannte Nummer an, nehmen Sie nicht ab oder warten Sie auf den Anrufbeantworter, denn: es könnte ein Ethnologe sein. Auf der immerwährenden Suche nach empirischem Material über die kulturelle Bedeutung des Naseputzens und die Auswirkungen von Gleitzeitregelungen auf das Genderverhältnis am Arbeitsplatz pirscht der Ethnologe durch den urbanen Dschungel und findet auch Sie! Dann findet er auch Ihre Freunde und Bekannten und macht aus denen erst FreundInnen und BekanntInnen und dann I.n.f.o.r.m.a.n.t.I.n.n.e.n. Was dem Junkie sein ›Schuss‹ ist dem Ethnologen sein Informant. Denn ohne Untersuchunsobjekte, die man in der Ethnologie versehentlich -subjekte nennt, ist sich der Ärmste nie ganz sicher, ob seine Thesen, sein Verstand, ja sein ganzes Studium noch irgendwie rational zu begründen sind. Daher schnürt er am frühen Abend gleich nach dem Frühstück systematisch durch sein Milieu. Eigentlich ist es gar nicht sein Milieu, aber er muss es so nennen, denn teilnehmende Beobachtung und Hineiiiiiiiiiiiiiinfühlen in das ›Subjekt‹ sind oberstes Muss, sind en vogue, sind Dogma und zugleich letzte Insel der Selbstbehauptung einer Wissenschaft, die es noch nie leicht hatte, ihr Dasein auf moralisch unbedenkliche Weise zu rechtfertigen. Solange man angebliches Insiderwissen und auf tiefer Einfühlung basierende Erkenntnis propagiert, kann einem keiner mit Verifizierung von Untersuchungsergebnissen dumm kommen. Sicherheitshalber druckt die kulturanthropologische Fachpresse regelmäßig Aufsätze ab, in denen jedweder Bezug zur objektivistischen Wissenschaft abgestritten, die subjektivistische, hermeneutische Perspektive hingegen zum Credo moderner Ethnographie erklärt wird.
Unser Ethnologe marschiert also (mit Cordjackenaufnähern wie »Glaser rulz!« und »Geertz ist geil!«) durch sein Milieu, sagen wir, Berliner Multikulti Kiez, um etwa der Frage nachzugehen, wie sich die Jugendlichen dort so fühlen. Über ihre Herkunft und die Herkunft ihrer Eltern und ihre transkulturelle Identität und über ihre subversiven Praktiken im Protest gegen die weiße Mehrheitskultur und über ihre innovativen Praktiken der Hybridisierung von Subkulturen, ihren Umgang mit Gendernormen, ihr Verständnis von Gewalt, ihr performatives Selbst, ihre Haltung zur modernen Biotechnologie, sowie ihre mnemotechnischen Strategien der Tradierung von oralkulturellem Wissen haben die gefälligst auch eine Meinung zu haben. Falls nicht, ist auch nicht schlimm, denn der Ethnologe hat im ersten Semester einen Schreibworkshop besucht und wird schon einen Weg finden, die inhaltlichen Lecks der Untersuchung, seiner Erwartung gemäß, buchstäblich abzudichten.
Doch zuerst muss der Ethnologe seine Pflichtbesuche bei den Subjekten machen und dort Interviews führen. Sonst kann er dem Vorwurf, er hätte sich all das obskure Zeug, dass er hinterher zu Papier bringt, ohne empirische Grundlage ersonnen, nichts entgegenstellen. Er hat immerhin seinen Ruf als Wissenschaftler zu verteidigen. In Interviews stellt der Ethnologe fest, ob seine Fragestellung auch möglichst weit abseits vom Alltagsleben seiner Subjekte angesiedelt ist, denn er muss schließlich die kritische Distanz wahren, was am Besten geht, wenn diese schon in der Methode integriert ist.
Pfiffig wie er ist, fängt er sich seine Informanten da wo es richtig weh tut, wo sie ungeschützt und verletzlich sind. Nein, nicht auf dem Klo, sondern in anderen Refugien der Ausgelassenheit und Erholung, zum Beispiel am Arbeitsplatz. Der Ethnologe definiert Arbeitsplatz anders als normale Menschen. Das können auch ein U-Bahnsteig und eine als Kasse fungierende umgedrehte Mütze oder der Tresen in der Eckkneipe sein. Oder – wie in unserem Fall – auf der Straße bzw. im Jugendknast. Schließlich sind dies die Orte, an denen freilaufenden Subjekte einfach einzufangen sind, falls dies nicht schon jemand vor dem Ethnologen erledigt haben sollte. Man würde ihn kaum stundenlang im eigenen Büro dulden, geschweige denn ertragen. Sie ertragen einander ja selbst kaum zwei Minuten in ihren euphemistisch ›Sprechstunden‹ genannten Zusammenkünften. Doch im (halb)öffentlichen Raum ist unser Spion im Auftrag der verkannten Schlüsselwissenschaft mit E immer auf der sicheren Seite als ein Zwitterwesen aus Gast bzw. Zuschauer einerseits und Detektiv andererseits. Er muss den Leuten nicht sagen, wer er ist und zu welchem Zweck er sich überhaupt mit ihnen abzugeben sich herablässt. Selbst, wenn er es – gemäß dem zweiten Dogma, ›Du sollst da informed consent erheischen von Deinen Schäflein!‹ - seinen Subjekten darlegt, bleibt fraglich, ob diese die volle Tragweite dieser höchst prekären Unbedeutsamkeit unseres Ethnographen erfassen und ob er sie selbst überhaupt ahnt. Dass er diese ganze Sache nämlich einzig um ihrer selbst willen tut und, da er sich natürlich längst mit der Effektarmut seines Orchideenfachs auf die anderen Wissenschaftszweige abgefunden hat, sich deshalb nicht mal als jemand aufspielen kann, der dem Objektsubjekt etwas zurückzugeben in der Lage wäre, verdrängt er häufig. Die Dunkelziffer der alternden Ethnologen zu erforschen, die dem inneren Druck nicht standhalten und, in tiefe Sinnkrisen stürzend, bei ihren weitaus anerkannteren Seelendeuterkollegen auf der Couch landen, wäre in der Tat eine ethnographische Studie wert. Die Multikulti Jugendlichen aus dem Kiez dürfen ihm also ihr Herz und ihre Seele ausschütten und sie müssen dafür nicht einmal glauben, es würde irgendwas bewirken – ist das nicht toll?
Der Ethnologe jedenfalls findet das prima. Deshalb gründet er in seiner freien Zeit, wenn er mal nicht im ›Feld‹ ist, immer neue Zwergblätter in Kleinstauflage mit an einer Hand abzählbaren Abonnenten, um seine Ergebnisse zwar offiziell zu publizieren, dabei aber so papierschonend umweltfreundlich wie möglich vorzugehen. Denn das letzte, was unser Ethnologe verursachen will, ist den Lebensraum der bedrohten Völker und indigenen Kulturen durch Abholzung zu gefährden. Schließlich hat er ein schlechtes Gewissen, da all die Grundlagenarbeit seiner Disziplin - bis auf das nachträglich hinzugefügte bischen Philosophie – zu Lasten dieser Gruppen entstand. Und denen jetzt quasi das Holz unter dem Hintern wegzudrucken mit einem Wust aus Fußnoten, die es wiederum oft nur gibt, weil sich frühere Völkerkundler einst in eben dieses Unterholz begaben, wäre ja schon irgendwie voll eurozentrisch, nicht?
Wenn genug Halbwissen (ethnologisch: Daten) akkumuliert wurde, zieht sich der Ethnologe in seine Schreibstube zurück, trinkt Tee und brütet darüber, wie er aus einem Wald von Aussagen der Jugendlichen, ein kohärentes Aussagengewirr zwirbeln, vor allem aber, wie er dieses Gewirr so aussehen lassen könnte, als würde er damit nicht einfach nur Resteforschung an den von logophilen Islamwissenschaftlern und fälschlich ›Soziologen‹ bezeichneten Stochastikern übersehenen Fremden im eigenen Land betreiben. Außerdem legt er sich seinen aus garantiert Kunstleder gefertigten Bußgürtel an, der ihn vor Ausrutschern in gesellschaftskritische und politische Themen bewahrt. Denn ein Ergänzen des rein Deskriptiven um eine ganzheitliche Perspektive würde mit Rangentzug oder, je nach Schwere des Delikts, gar Ausschluss und, was noch schlimmer wäre, Entzug des Bußgürtels geahndet. Da kennen die nix.
Ist das Pamphlet dann in nächtelanger schweißtreibender Arbeit geboren, kann sich der Ethnologe mit einem Gefühl der Zufriedenheit zurück lehnen und bei einer Tasse nicht fair gehandeltem Kaffee (sieht ja keiner) überlegen, wo sich wohl noch neue Felder auftäten. Denn er ist immer auf der Jagd, rastet nie und gibt erst Ruhe, wenn auch der letzte Imbissbudenbesitzer, Hartz IV Empfänger und Migrationshintergründler ausgewrungen und ohne politische Konsequenzen zum zweiten Mal gläsern gemacht worden sein wird. Er ist der Night Rider der Geisteswissenschaft, der Quincy der Sisyphosempirie; auf der Enterprise der qualitativen Sozialforschung wäre er mindestens Spock und gäbe es ein A-Team der akademischen Randfächer mit unterentwickeltem Potenzial, so wäre er der quirlige Freak mit der Handpuppe, die seine zweite Persönlichkeit darstellte, und beide würden sich bis in alle Ewigkeit gegenseitig analysieren, auswerten und interpretieren, bis keiner mehr wüsste, worum es eigentlich mal ging, und beide schließlich auf chlorfrei gebleichtem Papier mit Feldnotizen darnieder brächen.